# Tag 45 - Völlig öko oder was?

Vögel, anders, alternativ, gegen den wind, gegen den strom, schwarm
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Mein Partner, Freunde und auch ein Teil von mir selbst stehen dem EC eher kritisch gegenüber. Das klingt so total "öko" und abgedreht. Babys ohne Windeln! Das verstösst ja total gegen die ungeschriebenen gesellschaftlichen Normen.

Es ist eine Abkehr vom allgemein anerkannten Konsens, dass Kinder bis zu einem bestimmten Alter 24 Stunden am Tag in Windeln herumlaufen.

Ich stehe aber für die Bedürfnisse meines Kindes ein und will ihn nicht in seinen Ausscheidungen herumlaufen lassen. Auch wenn ich keine Dreadlocks trage, bin ich im Herzen ein Hippie.

Wie bin ich auf windelfrei gekommen?

Im Gespräch mit einer Freundin vor fast drei Jahren hörte ich das erste Mal von windelfrei. Sie ist Hebamme und sagte lapidar im Nebensatz "und es gibt auch Babys ohne Windeln". Was? Für mich unvorstellbar! Denn meine Erfahrung mit Filou zeigte mir zu dem Zeitpunkt, dass Babys lospinkeln, sobald die Windel weg ist. Diese Erfahrung machen viele Eltern, wie ich gerade erst bei der Babymassage sehen konnte. Viele Babys, die signalisierten, viele Eltern, die danach hektisch sauberwischten und Windeln herauskramten. Ging mir damals genauso!

 

Diese Frage: Wie kann das funktionieren? Faszinierte mich. Im Web findet man unter topffit, windelfrei, diaperfree etc. entsprechende Ressourcen. Auch Gespräche mit anderen Frauen ergaben, dass jede schonmal grob davon gehört hatte. Aber wer konnte es anwenden? Schlussendlich landete ich bei Andrea Olson und ihrem Go diaper free Buch (Affiliate Link). Die Bücher und Artikel sind auf Englisch, aber sie haben mir eine klare Anleitung geliefert, wie was funktioniert. Signale erkennen, Timing nutzen, Intuition entwickeln - das alles habe ich mit Hilfe der Bücher (Go Diaper Free und Potty Training Book- Affiliate Link) gelernt.

 

Es war so spannend zu sehen, dass Babys ab Geburt signalisieren, wann sie müssen. Sind schon ziemlich reif die Kleinen! Für mich war damals klar: sollten wir noch ein Kind bekommen, möchte ich EC von Geburt an praktizieren. Es erschien mir so natürlich und bedürfnisorientiert - halt das Beste für mein Kleines. Und diesen Anspruch haben wohl alle Eltern. In Bezug auf Windeln sind vielen einfach die Optionen nicht bekannt. Denn wenn sie wüssten wie einfach und toll die EC Erfahrung ist, würden sie direkt anfangen.

Wie alltagstauglich ist windelfrei?

Unter was ziehe ich heute an zeige ich, wie man mit der normalen Babygarderobe EC praktizieren kann. Dort wird bereits klar, dass man direkt anfangen kann. Richtiges Timing, Windel auf, über die Toilette halten, abwarten, sich freuen und Windel wieder zu. Dazu kann man entsprechende Accessoires nutzen, aber es geht auch mit dem Standardequipment.

 

Und ich finde EC sehr alltagstauglich, denn meist sind WCs verfügbar (Café, Restaurant o.ä.) oder ein Busch (Spielplatz, beim Spaziergang). Die meisten WCs haben einen Wickeltisch, also einfach freimachen, auf die Toilette und wieder zurück zum anziehen. Vom Zeitaufwand dauert EC ungefähr genauso lange wie wickeln. Denn die Zeit, die sonst für sauberwischen nötig ist, verwende ich für den WC-Gang mit Tommetott. Danach einfach wieder anziehen und zurück an den Tisch.

 

Oder wenn das Marmeladenglas zum Einsatz kommt: Windel auf, Glas ranhalten, warten, Glas zu, Windel zu, fertig. Inhalt des Glases dann im Gulli oder unterwegs entsorgen. Mit entsprechendem Equipment (Splitpants o.ä.) geht es sicher noch schneller.

 

Noch einfacher ist es, wenn man ein Auto hat. Dann einfach Asiatöpfchen mitnehmen und das Kind auf dem Schoss abhalten. Blickgeschützt, diskret, entspannt. Am Strassenrand ist ein Gulli zum entsorgen, mit Feuchttüchern kann das Töpfchen gewischt werden. Die Tücher gehen dann z.B. in eine Windeltüte.

 

Vor allem unterwegs ist mir die Balance zwischen Tommetotts Bedürfnissen und Machbarkeit sehr bewusst - ähnlich wie beim Stillen gibt es günstige und ungünstige Momente. Daher gehen ich mit Diskretion und Fingerspitzengefühl vor, wenn ich unterwegs bin (vor allem, wenn die Gegend für mich neu ist). An vielen Orten sehe ich gar kein Problem - ein Spielplatz im Wald ohne Toilette? Da muss Filou ja im Notfall auch einen Baum benutzen. Das Gleiche gilt dann für Tommetott. Und wenn sich jemand daran stört, sollten sie lieber mal überlegen, wie viele Hunde ihren Urin in der ganzen Stadt verteilen. Da fallen 50ml Babypipi wohl nicht gross auf.

 

Riesenbonus von EC: Keine Kackiwindeln! Ich habe seit Tommetotts Geburt vielleicht vier Kackiwindeln gesehen (zwei davon gingen auf Papa Bärs Rechnung ;-) und das sehr früh nach der Geburt. Er entleert sich meist einmal früh am Morgen und vor dem Schlafengehen. Dazwischen nur Pipi - wenn das kein Argument ist?

Ich weiss noch, dass Papa Bär und ich vor Filous Geburt verhandelt haben, wer für die Kackiwindeln zuständig ist (haben uns auf 50-50 geeinigt). Und wer ist schon scharf auf die Stinkewindel? Durch EC absolut vermeidbar (zumindest bis zu diesem Alter - beim krabbeln kann es dann anders werden). Vor allem fällt auch der müffelnde Müll weg! Sonst haben wir den Sondermüll auf dem Balkon gelagert, aber nun können wir bei Wegwerfwindeln einfach den Mülleimer nutzen. Grandios!

Was sagt unser Umfeld dazu?

Und vor allem: wie geht Papa Bär mit EC um?

Der hält sich nämlich diskret zurück und hält Tommetott nicht ab. Aber mittlerweile weiss er auch, dass der Kleine nicht einschläft, wenn die Windel nass ist. Und Windel nass bedeutet meist nur, dass ein bisschen Notfallpipi gemacht wurde und die grosse Ladung noch zurückgehalten wird, bis die Windel weg ist. Also lässt er Tommetott nun immer ein bisschen nackig strampeln und pullern, bevor er die nächste Windel anzieht (und das Baby glücklich einschläft). Papa Bär hat sich also selbst einen Umgang mit der EC Praktik gesucht und das finde ich am besten - Hauptsache es funktioniert und Tommetott ist zufrieden.

 

Unser Umfeld (aka die Mamas, die EC nun miterleben) reagierten alle sehr positiv und neugierig. Ich selbst war da viel kritischer und freue mich, dass es so gut ankommt. Viele möchten wissen, wie das denn funktioniert und ob Tommetott nun ohne Windel daherkommt. Nein, kommt er nicht - wir nehmen immer ein Backup (meist Windel). Wie es funktioniert: wie gesagt, eine Mischung aus Timing, Babysignalen und Inution.

 

Meine Mama und Oma finden es auch gut, dass ich EC praktiziere. Oma meinte gleich: "Ja, klar. Das haben wir früher auch so gemacht." Weil das nämlich weniger Wäsche verursachte. Und damals wurden die Windeln noch von Hand geschrubbt und ausgekocht.... Weisste Bescheid.

 

Von Fremden wurde ich bisher nicht angesprochen, da ich wie gesagt sehr diskret bin (oder weil sich niemand getraut hat). Wir werden sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Was spricht dagegen?

Da fallen mir vor allem drei Dinge ein: Gewohnheit, Gesellschaft und Gehirn.

Windeln werden aus Gewohnheit benutzt, weil die Gesellschaft (Werbung, Umfeld) signalisieren, dass es normal sei. Dass Babys stundenlang in ihrem Urin sitzen ein Fortschritt sei. Was meiner Meinung nach ganz und gar nicht zutrifft. So sind Säuglinge die ersten Monate eben nicht nur mit wachsen und entwickeln beschäftigt, sondern auch damit den angeborenen Instinkt zur Sauberkeit zu verlernen. Ist doch schade drum! Ich sage nur: ersparte Kackiwindeln...

 

Und das eigene Gehirn: "Das kannst du doch hier nicht machen!", "Das ist jetzt nicht der passende Moment!". Innere und vermeintliche äussere Widerstände werden vom Gehirn deutlich gemacht. Für mich ein gutes Training in Selbstüberwindung und im Umgang mit Ablehnung (wobei die Ablehnung eher aus meinem Inneren kommt, als von Aussen...).

 

Oh, eins fällt mir noch ein: Schadet das dem Kind nicht?

Nein, überhaupt nicht. Da wie gesagt die Instinkte von Geburt an auf Sauberkeit ausgerichtet sind, wird dem einfach durch Abhalten entsprochen. Ich lasse ja kein Kind stundenlang auf dem Töpfchen sitzen oder ignoriere Protest. Auch Babys signalisieren deutlich, wenn ihnen etwas nicht passt. Durch Strampeln, Weggucken oder Weinen kann ich erkennen, ob die Aktion gerade gut tut. Und meist gluckst Tommetott nach dem Pipi machen fröhlich vor sich hin und strahlt mich an.

 

Es gibt also keine haltbaren Argumente gegen EC. Wenn du noch gezweifelt hast, hilft nur eins: Ausprobieren! Wenn dein Baby das nächste Mal aufwacht, mach es frei und halt es über eine Toilette. Mal gucken, was passiert! Da gibt es nichts zu verlieren, sondern nur eine neue Erfahrung. Schreib mir gern, was du gelernt hast¨.

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